... Your memory is everything ...

Diese letzte Zeile aus dem Lied "Book of golden Stories" von Runrig trifft es ganz gut: Die Erinnerung ist alles.

Und Erinnerungen an Rica gibt es so viele.

Als erstes fällt mir ein: Am Fenster sitzen.

Rica hat für ihr Leben gerne am Fenster auf ihrem Sessel gesessen und alles beobachtet. Wehe, es kam jemand in die Nähe unseres Hauses! Dann bellte sie aber! Oder sie freute sich, wenn wir oder Freunde zum Haus kamen. Wenn ich jetzt nach Hause komme, ist ihr Fenster leer. Niemand schaut mehr hinaus und freut sich, daß ich wieder da bin.

Bleiben wir beim Bellen. Rica hatte eine sehr differenzierte Art zu bellen. War ein Fremder vorm Haus oder Tür, bellte sie so gefährlich, daß man dachte, sie wäre sonstwie groß. Kam ein Freund, bellte sie - wie schon erwähnt - freudig. Dann gab es noch das Spielbellen. Und das "Verrückt-sein-bellen". Das tat sie, wenn sie beim Üben der Meinung war, mal alles ein wenig aufzupeppen. Dann sprang sie umher und bellte so lustig. Ich habe mich jedesmal darüber amüsiert.

Und dann gab es noch das "Müll-rausbringen-bellen". Sie war nämlich unser kleiner Müllmann. Sie liebte es, mit uns den Müll rauszubringen. Dabei ging ihr das alles nie schnell genug. Dann kam sie angerannt und machte "Wo-u! Wo-u!" Es klang so richtig drängelnd. So nach dem Motto "Nun macht hin!". Das war immer so niedlich! Unser kleiner Müllmann...

Rica hatte auch die Uhr im Bauch. Kurz vor den Freßzeiten kam sie an und hat einen angesehen "Willst du nicht Futter machen?" Sie wußte auch immer ganz genau, wann es zu Oma ging. Um kurz nach 11 Uhr mittags fing sie an, an der Wohnungstür zu schnüffeln und umherzulaufen. Sie wußte ganz genau, daß Oma gleich zu Mittag aß. Ungefähr um halb zwölf ging ich mit Rica runter in den Garten. Doch der Garten war da uninteressant. Sie wollte wieder rein und ist schnurstracks zu Oma in die Küche gegangen. Meistens hatte sie Erfolg und bekam was ab. Abends - kurz nach 19 Uhr - war auch wieder "Oma-Zeit". Erst in den Garten zum Pieseln - und dann aber schnell zu Oma in die Stube! Denn da bekam sie immer ihr Betthupferl. War Oma mal nicht da, hat Rica alles abgesucht. Ja, die "Oma-Zeiten" waren Rica heilig!

Auch so wußte Rica genau, daß Oma immer was Feines für sie hatte. Deshalb freute sich Rica auch immer, wenn Oma rief. Es konnte ja sein, daß Oma wieder irgendwas für sie hatte. Das durfte doch Rica nicht verpassen!

Fressen war sowieso das schönste für Rica. Sie "bedankte" sich aber auch immer, wenn sie mit fressen fertig war. Dann ging sie von einem zum anderen, leckte sich die Schnute und sah einen an - als wenn sie "Danke" sagte.

Rica war auch ein Stupsi. Sie hat einen immer wieder mit der Nase angestupst. Meistens wollte sie dann knuddeln. Wenn man nicht sofort streichelte, konnte sie richtig aufdringlich werden. Sie stupste aber auch, wenn sie bettelte. In ihren letzten Lebensmonaten betrieb sie das in perfektion. Ich sage nur: Verschütteter Kaffee. Böse darüber sein? Nein. Wir waren Rica nie böse wegen irgendetwas. Sowas hat uns eher amüsiert.

Apropros amüsieren. Rica hat sich auch amüsieren können. Nicht nur das. Rica konnte sogar richtig lachen. Beim Agility, Tricks üben, Müll rausbringen, an ihren Lieblingsorten spazierengehen etc hat Rica gelacht. Dann strahlten ihre hübschen Augen und ihre Schnute hatte sie auf eine Art und Weise offen, daß ihr Gesichtsausdruck ein einziges Lachen war. Dann ging einem immer das Herz auf.

Ihr absoluter Lieblingsort war der Kirschberg. Wiesen und Felder so weit das Auge reicht. Da ist sie gehoppelt wie eine Irre - und dann ist sie ein paarmal im Kreis gehüpft und hat sich dabei ins Gras geschmissen und gewälzt. Sie fand das immer zu schön auf dem Kirschberg. Ansonsten hat ihr alles gefallen, wo weite, hügelige Wiesen waren. Wald war auch toll. Hauptsache, weit weg von der Zivilisation.

Wasser war dabei auch immer sehr beliebt gewesen. Rica ist durch jede Pfütze gegangen. Kamen wir an einen Bach, rannte sie sofort hin und schmiß sich regelrecht hinein. Ja, Rica legte sich ins Wasser. Sie wälzte sich sogar teilweise darin. Eben eine richtige Wasserratte.

Blumen fand Rica auch toll. Sie roch sogar an Blumen. Das war immer ein rührendes Bild gewesen. Leider habe ich es verpaßt, diese Situation aufzunehmen.

Das schönste von allem war, daß Rica und ich uns auch ohne Worte verstanden. Jeder wußte, was der andere dachte. Rica war mein "anam cara", mein Seelenfreund, und ich ihr "anam cara". Wir waren eins. Wie man so schön sagt "Ein Kopp und ein Arsch". Mit ihr war es anders als mit den anderen Hunden (ihre Vorgänger mögen mir verzeihen!). Wir waren wirklich Seelenverwandte.

Zum Verstehen ohne Worte fällt mir folgendes Erlebnis ein. Als Rica im Alter taub wurde, durfte sie an sicheren Orten immer noch ohne Leine laufen. Ich wußte, sie würde sich nicht weit entfernen. Doch einmal entfernte sie sich doch mal weiter als normal. Da ich ihr vertraute, blieb ich einfach stehen und dachte nur "Halt!". Ob ihr es glaubt oder nicht - Rica blieb sofort stehen und sah sich nach mir um!

Da es Zufall hätte sein können, probierte ich das auf den folgenden Spaziergängen nochmal. Ich blieb mal eher, mal später stehen und dachte "Halt!". Auch da blieb Rica sofort stehen! Es war also kein Zufall gewesen. Rica hatte meine Botschaft - wie auch immer - verstanden! Das zeigte mal wieder deutlich, was für eine Beziehung wir beide hatten.

Und zwar eine Beziehung, wo ich mich schon mal sehr in Gefahr begeben habe, nur, damit Rica nichts passierte. Es war an einem Sommernachmittag. Ich ging mit Rica zum Bach, damit sie baden und plantschen konnte. Doch eine Familie mit Dogge war auch da gewesen, etwa 30m von uns entfernt. Ich wußte, mit dieser Dogge war nicht zu spaßen, also wollte ich mich mit Rica verkrümeln. Doch die Dogge hatte uns schon gesehen. Plötzlich rannte sie auf uns zu. Geistesgegenwärtig stellte ich mich schützend vor Rica. Als die Dogge dann näher kam, hielt ich Rica mit einer Hand hinter mir und mit der anderen Hand schnappte ich nach dem Halsband der Dogge. In diesem Moment mußte ich wohl Bärenkräfte gehabt haben. Denn ich konnte die Dogge mit dieser einen Hand stoppen und von Rica fernhalten! Die Besitzer kamen nur langsam angetrottelt und haben sich noch nicht mal entschuldigt. Erst hinterher habe ich realisiert, daß ich mich soeben in Gefahr begeben hatte. Die Dogge hätte mich beißen können. Aber in so einem Moment denkt man einfach nicht nach. Für mich hat nur Rica gezählt und weiter nichts.

Ich mußte Rica auch schon vor Schäferhunden retten. In den letzten Jahren wurde Rica mehrfach angegriffen von Vertretern dieser Rasse. Manchmal haben die Spaziergänge daher keinen Spaß mehr gemacht. Aber nur manchmal. Sonst waren Spaziergänge mit Rica wunderschön gewesen. Rica hatte einen lautlosen Gang. Ich gehe auch recht leise. Beides hatte zur Folge, daß wir beide schon öfter Spaziergänger erschreckt haben, wenn wir überholten. Sie haben uns einfach nicht kommen hören. Köstlich!

Aber das Schleichen hatte Vorteile. So konnten wir mühelos ganz nah an Rehe rangehen und sie beobachten. Das war immer ein Erlebnis gewesen! Da Rica nicht jagte, blieb sie ganz ruhig bei mir und beobachtete mit mir mit. Die Rehe haben uns nicht bemerkt, auch wenn wir weniger als fünfzig Meter entfernt hockten.

Mit Rica konnte man sich auch nicht verlaufen. Sie wußte immer ganz genau, wo wir langgegangen sind. Milimetergenau ging sie dann den Weg zurück. Das war immer faszinierend mit anzusehen. So konnten wir überall umherstromern, ohne Angst haben zu brauchen, sich zu verirren. Rica führte einen immer sicher nach Hause.

Rica´s Lebensmotto konnte man mit den Worten "Leben und leben lassen" beschreiben. Sie war zu jedem Lebewesen, das auf der Erde kreuchte und fleuchte, gut Freund; tat keiner Fliege etwas. So ließ sie sich gerne von Ponies durch das Fell wuscheln; Rinder durften sie von oben bis unten abschnüffeln (und dann kamen sie am Zaun hinter uns her); und nicht zuletzt war Rica auch lieb zu Katzen. Eine halbwilde Katze wurde sogar eine gute Freundin von uns und begleitete so oft es ging, unsere Touren. Auch ein Kater aus der Nachbarschaft hatte sich mit ihr angefreundet. Irgendwie mußten alle Tiere gemerkt haben, daß Rica eine ganz Liebe war.

Wenn wir alle zusammen waren - das heißt, Rica, die halbwilde Katze, die Rinder am Zaun - dann war das immer ein Frieden, den es wohl so nicht auf der Erde gibt. Dann kam ich mir immer vor wie Cernunnos. Doch das Paradies wurde zerstört. Erst verschwanden die Rinder, dann wurde die Katze vergiftet. Diese Ära gehört schon lange der Vergangenheit an. Leider.

Ja, die Spaziergänge waren immer schön gewesen. Aber auch mal nicht so schön. Ich denke da an bestimmte Spaziergänge. Zwei davon haben mein Herz stehen lassen. Es war, als Rica noch nicht lange bei uns gewesen war und damit noch voller Panik. Am Kupferberg spielten Kinder laut im Bach. Das machte Rica damals noch Panik. Sie bockte, wollte weg. Wer auch immer behauptet, Hunde könnten aus Geschirren nicht entwischen, der hat Rica nicht kennengelernt. In nullkommanix war sie aus dem Geschirr geflutscht und auf und davon. Gott sei Dank gab es da für sie nicht viele Wege zum Weglaufen und so habe ich sie schnell wieder einfangen können. Aber ihr glaubt gar nicht, wie es mir da gegangen war...

Der andere Spaziergang, der mein Herz stehen bleiben ließ, war im Winter gewesen. Rica durfte seit einiger Zeit endlich ohne Leine laufen, da sie sich gut gemacht hatte. Ich ging unterm Kupferberg entlang, da kamen Skifahrer entgegen. So etwas kannte Rica noch nicht - und schwupps sprang sie in den eisigen Bach und schwamm auf die andere Seite. Da dort eine Mauer ist, konnte sie nicht weiter und saß ganz betröppelt auf einem Stein und wollte nicht wieder zurückkommen. Ich war drauf und dran, selber durch den Bach zu gehen, um sie einzufangen. Aber da entschied sich Rica dann doch noch, zu mir zurückzuschwimmen. Als sie aus dem Bach kam, war sie sofort voller Eis, da es so kalt war. Zu Hause machte sie dann das erstemal Bekanntschaft mit einem Föhn. Krank wurde sie aber nicht.

Dann gab es noch zwei Spaziergänge, die - sagen wir mal -erlebnisreich waren.

Es war im Winter, ich ging am Feld vor den Schäfertannen spazieren, als es plötzlich so doll anfing zu schneien, daß man vielleicht einen Meter weit sehen konnte. Alles war weiß; vor uns, hinter uns, neben uns, über uns. Alles weiß. Ich kam mir vor wie in den Bergen oder in Kanada und hatte Schwierigkeiten, den Weg zu finden. Doch dank Pfadfinder Rica war das nicht allzu schwer gewesen.

Der zweite Spaziergang war vor ein paar Jahren im Herbst gewesen. Ich ging mit Rica auf die Hasenwinkel-Alm, wo wir uns immer gerne aufgehalten haben, da es dort schön einsam war. Ich setzte mich auf die Leiter eines Hochsitzes, Rica davor und beide schauten wir in die Ferne und genossen einfach den Augenblick. Doch dann kam von unten her Nebel hochgewadert. Man konnte richtig zusehen, wie der Nebel immer näher kam. Als er schon recht nah war, habe ich mich mit Rica auf den Heimweg gemacht. Kaum waren wir losgegangen, schon hatte uns der Nebel eingeholt. Und es war ein dichter Nebel gewesen. Auch hier bewies Rica wiedereinmal Pfadfinderqualitäten und führte mich sicher nach Hause. Das waren Erlebnisse, sage ich euch!

Ich bin mit Rica auch liebend gerne geklettert und habe mich - wie so oft - für sie zum Affen gemacht. Das war mir aber immer egal gewesen. Wenn wir irgendwo langgingen, wo es einen Berg hinaufging, hat Rica immer hochgeschaut und gewartet, daß ich den Startschuß fürs Klettern gebe. Ihr glaubt gar nicht, wie schnell und flink Rica geklettert ist! Sie war eine halbe Bergziege. So trittsicher, daß man staunen mußte. Wenn ich dann auch oben angekommen war, hatte Rica schon ungeduldig auf mich gewartet. Und sie hat dabei gelacht. Das Zeichen dafür, daß sie jede Menge Spaß hatte.

Auch Strohrollen hat sie geliebt. Wenn sie auf den Feldern Strohrollen sah, gab es kein Halten mehr. Dann rannte sie hin und sprang mit einem Satz hinauf, um dann ganz stolz oben draufzusitzen und in die Ferne zu schauen. Wie sie da hochkam, ist mir noch heute ein Rätsel. Wenn ich jetzt Strohrollen sehe, werde ich wehmütig und denke an Rica.

Einmal hatten wir echt Glück gehabt, als wir unterwegs gewesen waren. Ich hörte Motorsägen, habe mich gewundert, wo die wohl wieder holzen würden. Das Geräusch wurde lauter. Aber es war nichts abgezäunt, kein Schild stand da!!! Und plötzlich hörte ich es krachen. Ein Baum kam auf uns zu gefallen. Gott sei Dank waren wir weit genug weg, sonst hätte der Baum uns erschlagen. Aber es war trotzdem sehr nah gewesen. Wieso nirgends abgesperrt war, frage ich mich heute noch. Jedenfalls waren seit dem Vorfall Rica Motorsägengeräusche unheimlich.

Wenn es Mistwetter war, war Rica in ihrem Element. Das Wetter konnte bei ihr nicht schlecht genug sein. Irgendwie war Rica ein halbes Wildschwein. Sie sprang in jede Pfütze und in jedes Schlammloch. Und dann noch das Regenwetter. Sie sprang dann umher wie ein kleines Kind. Wenn zum Regen auch noch Wind oder gar Sturm kam, dann war es noch toller. Sie liebte Mistwetter über alles. Ihr konnte das ja auch nichts antun. Rica war noch vom alten Schlag, mit mittellangem, wetterfestem Fell. Egal wie sehr es regnete - Unterwolle und Haut blieben trocken. Das Deckhaar trocknete rasend schnell. Manchmal sah sie aus wie Sau. Man erkannte nichts Weißes mehr an Beinen und Brust. Doch auch wenn das niemand glauben mag - sobald das Fell trocken war, waren die Abzeichen wieder strahlend weiß. Denn der Dreck war einfach rausgefallen.

Im Alter, so ungefähr die letzten 3 Jahre, hatte sich ihr tolles, pflegeleichtes Fell verändert. Plötzlich war sie nicht mehr wetterfest, so daß sie Regenschutz brauchte. Seitdem fand sie Regen nicht mehr so toll und blieb lieber drinnen.

Schnee hat Rica auch geliebt. Sie ist dann immer umhergehüpft, hat ihre Schnauze in den Schnee gesteckt und war einfach nur happy. Vor lauter Übermut hat sie uns immer die Handschuhe ausgezogen und ist damit abgehauen. Wenn Schnee lag, dann gab es immer was zu lachen mit Rica. Sie hat in den Schneebergen gebuddelt, den Kopf hineingesteckt, ist hineingehüpft, hat sich genüßlich gewälzt... Es war einfach zu schön. Der letzte Winter, den sie erleben durfte, war nochmal ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Viel Schnee und das für lange Zeit. So konnte sie wenigstens nochmal im Schnee spielen.

Ihre verrückten 5-Minuten waren besonders im Garten lustig gewesen. Dann raste sie in einem Affenzahn durch den Garten, um die Bäume herum. Ihr Körper war dann flach auf dem Boden, während sie so rannte. Sie ist dabei auch mal aus der Kurve geflogen, wenn die Kurve zu eng und das Tempo zu hoch war. So kam es, daß sie einmal im Gartenteich landete. Das machte ihr aber nichts aus. Wie immer schüttelte sie sich nur und dann ging´s weiter. Einmal im Winter kam sie auch auf den Gartenteich und brach im Eis ein. Auch das machte ihr nichts aus.

Ja, Rica war schon eine Verrückte. Wenn Hundebesuch da war und die hatten was, das sie gerne haben wollte, dann nahm sie es sich nicht einfach so oder mit Aggression. Nein. Rica hatte ihre ganz spezielle Art, anderen was wegzunehmen. Sie hüpfte wild um den Hund herum, der das begehrte Stück hatte; lief hierhin, lief dahin, sprang nach links, nach rechts und war einfach nur verrückt. Irgendwann ging sie dem Hund so auf die Nerven, daß der sich nur noch verdrücken wollte und das begehrte Stück liegen ließ. So konnte sich Rica das schnappen, ohne böse geworden zu sein. Das ist Intelligenz!

Gespielt hat Rica oftmals wie eine Katze. Sie hat immer gerne mit den Pfoten getapst. Oder wenn sie ein Leckerlie bekam, dann spielte sie gerne damit wie eine Katze. Sie schmiß das Leckerlie in die Luft, sprang mit den Pfoten drauf. Dann schmiß sie es erneut weg und sprang nochmal drauf. Das konnte minutenlang so gehen. Das war so lustig gewesen, daß wir immer lachen mußten.

Auch so gab es mit Rica viel zu lachen. Da wäre zum einen das Schnarchen. Manchmal, wenn Rica schlief, fing sie laut an zu schnarchen. Das sogar richtig wie ein Mensch. Das war immer sehr unterhaltsam gewesen. Meine Schnarchnase!

Dann lunzte sie immer durch einen kleinen Spalt in der Tür. Das machte sie vor allem dann, wenn sie in einem anderen Zimmer gewesen ist als wir. Irgendwann ging dann die Tür einen Spalt weit auf und man sah nur ihre schwarze Nase dazwischen. Wenn sie sich davon überzeugt hat, daß wir noch alle da waren, tappelte sie beruhigt wieder von dannen.

War die Tür mal verschlossen, z.B. die Badezimmertür, wenn man drin war, dann schnüffelte sie die Tür von oben bis unten ab; besonders am Spalt zwischen Tür und Boden. Dann zog sie mit lautem Geräusch die Luft ein, um zu überprüfen, ob da jemand drin war. Entweder sie gab sich nach kurzer Zeit zufrieden und trottelte wieder fort. Oder sie schnüffelte so lange, bis man die Tür öffnete und herauskam.

Was auch ulkig war, war die Art und Weise, wie Rica gerne lag. Sie lag auf dem Rücken, den Bauch frei. Und vor allem lag sie gerne völlig verdreht. Der Rücken lag in eine Richtung, der Kopf in eine ganz andere. Dann hatte sie auch gerne den Kopf auf einer Art Kopfkissen, also erhöht, liegen. Das "Kopfkissen" war oft genug ich gewesen. Sie lag auf meinem Schoß und genoß die Streicheleinheiten. So saß ich bald jeden Tag auf dem Boden, Rica auf meinem Schoß und knuddelte sie stundenlang, bis sie einschlief. Das liebte sie vor allem die letzten Jahre über alles. In dieser Knuddel-Position hatte ich sie auch, als sie eingeschläfert wurde.

Nun aber wieder weg vom Traurigen und hin zum Lustigen!

Eines ihrer Hobbies war es, Sachen zu klauen. Aber nicht wie ein ungezogener Hund einfach alles. Sondern sie klaute das Altpapier, das auf der Bodentreppe gesammelt wurde. Meistens machte sie das, wenn wir in ihrer Nähe waren. Sie ging zu dem Papier, sah uns mit einem schelmischen Blick an und schnappte sich das Papier. Damit tappelte sie dann richtig stolz, mit erhobener Rute, durch die Wohnung. Den Gesichtsausdruck konnte man nur mit "Hi, hi! Ich hab´was, was du nicht hast!" beschreiben. Dann sah man förmlich den Schalk in ihrem Nacken.

Rica brachte einen auch zum Lachen, indem sie liebend gerne unsere Ohren ausgeschleckt hat - vor allem, wenn sie neben einem auf dem Sofa saß. Dann überfiel sie einen regelrecht und schleckte und schleckte in den Ohren herum.

Apropros Sofa. Rica lag gerne auf dem Sofa. Wenn es im Sommer heiß war, weniger - dafür aber umso mehr im Winter oder wenn es kühler war. Sie hatte ein Abendritual (jedenfalls hat sie das in den letzten Jahren so entdeckt): Um kurz vor halb neun Uhr abends kam sie aufs Sofa, schlief da bis um kurz nach neun. Dann sprang sie runter und schmiß sich irgendwo anders hin (wortwörtlich). Kurz vor halb zehn kam sie erneut an und sprang aufs Sofa. Da blieb sie liegen bis zum Schlafengehen (oder manchmal noch länger). Man konnte die Uhr danach stellen, wann sie rauf- und runtersprang. Rica liebte eben Rituale.

Ich glaube, man könnte auch von Ritual sprechen, daß sie immer beim Saugen im Weg lag. Sie wußte ganz genau, wann wo gesaugt wurde. Ständig mußte man sie vertreiben. Denn vorm Staubsauger hatte Rica kein Fitzelchen Angst gehabt und hätte sich auch absaugen lassen (der Sauger berührte öfter ihren Körper, ohne daß sie aufstand und wegging!). Hatte man sie endlich von einem Platz wegbekommen, ging sie genau dorthin, wo als nächstes gesaugt wurde. Also wieder "vertreiben" - und erneut ging sie genau dorthin, wo man als nächstes hin wollte. So ging das die ganze Zeit, bis alles fertig war. Manchmal war das ja zum Teil nervig gewesen. Andererseits ist es heute langweilig, wenn ich sauge. Niemand steht oder liegt mehr im Weg herum... Das ist so ungewohnt...

Was Rica geliebt hat, war Versteckspielen. Entweder habe ich mich selber versteckt oder ein Leckerlie. Verstecken spielen ging in der Wohnung, im Garten und auf dem Spaziergang. Ich setzte sie irgendwo ab, ging weg und versteckte das Leckerlie. Dann ging ich zurück und sagte "Such!" Dann ist sie immer abgegangen wie eine Rakete und hat alles abgeschnüffelt, bis sie das Leckerlie gefunden hatte.

Wenn ich mich selber versteckt habe, ließ ich sie wieder absitzen, ging irgendwo hin und versteckte mich. Dann machte ich ein mehr oder weniger lautes "Piep!" und Rica fing an zu suchen. Wenn sie mich fand, war Party angesagt. Auf dem Spaziergang war das Suchen schon schwieriger, daß sie etwas länger brauchte. Dann wurde sie schon richtig fusselig, wenn sie mich nicht bald fand. Falls nötig, machte ich wieder "Piep!", damit sie mich orten konnte. Fand sie mich, war sie regelrecht erleichtert und happy, mich wiederzuhaben.

Auf dem Spaziergang machten wir auch "Wettrennen". Das hat sich irgendwann mal so eingebürgert, richtig geübt haben wir nicht dafür. Es kam einfach so. Rica setzte sich neben mich. Dann habe ich "Auf die Plätze! Fertig! Los!" gesagt, daß wir beide dann gleichzeitig losrannten. Rica war verrückt danach gewesen. Bei "Fertig!" zuckte sie schon ungeduldig, weil sie es nicht erwarten konnte, loszurennen. Natürlich hat immer Rica gewonnen. Nur mal so am Rande. Denn bei uns ging es nie um irgendeinen Gewinn oder Wettkampf. Es war schön, zusammen Spaß zu haben. Als Rica dann im Alter taub geworden war, konnten wir das leider nicht mehr machen. So änderten sich die Zeiten. Dafür hatten im Alter die Spaziergänge ihre eigene Qualität bekommen, die es mit einem jungen Hund nicht gibt. Wer einmal mit einem alten Hund spazieren war, der weiß, was ich meine. Obwohl Rica ja bis zum Schluß fit gewesen war, daß viele gar nicht glauben wollten, daß sie schon "so alt" war. Aber trotzdem hatten die Spaziergänge eine andere Qualität besessen als vorher - und ich weiß ehrlich nicht, welche Art von Spaziergang ich schöner finde, denn beide Arten hatten was für sich.

Noch im Alter hat Rica Treibball gelernt. Es war zwar nicht perfekt, weil sie schon taub war und Feinheiten nicht geclickert werden konnten - aber das war egal. Hauptsache, Rica hatte wieder etwas Neues. Treibball wurde ihr zum liebsten Hobby. Wenn ich den Ball nahm, dann freute sie sich schon und wollte schon losstupsen.

Bei schlechtem Wetter machten wir Indoor-Treibball. Das heißt, sie rollte und stupste den Ball durch die Wohnung. Das war besonders lustig gewesen. Denn durch die vielen Ecken wurde das alles erschwert, daß der Ball manchmal feststeckte.

Dann mußte Rica sehen, wie sie den Ball da wieder herausbugsierte. Wenn der Ball nicht so wollte, wie sie, dann kam der Hütehund sehr zum Vorschein: Sie versuchte beim Ball den Fersenbiß bzw sie bellte den Ball an, in der Hoffnung, er würde dann "weiterlaufen". Wenn sie Treibball spielte, dann war sie glücklich und so lustig, daß es immer was zu lachen gab. Bis zuletzt spielte sie Treibball. Man sah ihr ihr Alter nie an. Wenn sie so rumtobte, oder wenn sie draußen Tricks machte, dann konnten die Leute, die das sahen, nie glauben, daß sie schon "so alt" war.

Auch "Hoopers" machte sie noch bis zum Schluß liebend gerne. Da war sie auch immer total verrückt nach. Wie beim Treibball auch, sah man ihr bei Hoopers nie an, wie alt sie war.

Im Winter machten wir dann Indoor-Hoopers, damit sie auch bei schlechtem Wetter ihrem Hobby nachgehen konnte.

Beim Indoor-Hoopers war es manchmal etwas eng gewesen. Aber das tat dem Spaß keinen Abbruch. Wie eine Irre raste Rica durch die Reifen, hin und her. Wenn ich die Reifen aufbaute, dann konnte sie es kaum erwarten und fing schon mal alleine an. Und das alles mit schon 13 Jahren!!!

Anscheinend wollte Rica selber nie glauben, wie alt sie war. Denn sie wollte bis zuletzt beschäftigt werden und immernoch was Neues lernen. Andere Hunde in dem Alter sind nicht so. Deshalb bin ich wahnsinnig stolz auf meine Rica, daß sie bis zum Schluß so fit gewesen ist!!! Sie kasperte rum, wollte Leckerlies suchen, Tricks machen, Treibball spielen, Intelligenzspielzeuge testen, was Neues lernen, ... Und das im Alter von 13 Jahren!!! Ich bin so stolz auf meine Rica und so dankbar dafür!

Rica hat auch bis zuletzt aufgepaßt, ob wer zum Haus kam. Na gut, die letzten 2 Wochen sprang sie nicht mehr auf den Sessel, obwohl sie es gerne wollte. Aber der Tumor spannte bestimmt zu sehr beim Springen, weshalb sie es dann ließ.

Aber bis dahin paßte Rica aufs Haus auf. Vor allem, wenn die Post kam. Sie brauchte nur das gelbe Postauto zu sehen, wie es langsam ankam - schon knurrte sie los. Je näher es kam, desto lauter wurde sie. Dann bellte sie ganz bedrohlich. Doch wenn die Post mal klingelte, dann tat sie nichts weiter. Sie bellte nur, blieb aber oben an der Treppe stehen. Sie war unser "Post-Warnsystem".

Bei "Warnsystem" fällt mir ein: Wir wohnen ganz nah an einem Steinbruch. Da wird viel Krach gemacht, darunter auch gesprengt. Früher sprengten sie häufiger als jetzt, da sie nun den Gips größtenteils anders abbauen. Jedenfalls hat sie die Sprengungen nicht so gemocht. Angst hatte sie davor nicht direkt - sie konnte dabei sogar ohne Leine laufen. Aber es mußte wohl unangenehm gewesen sein. Vor den Sprengungen ertönt ein Tuten. Dann knallt es. Wenn die Sprengung zu Ende ist, dann tutet es erneut.

Sie war also durch das Tuten gewarnt "Paß auf, da kommt ´ne Sprengung!". Der Knall ließ sie zwar kurz erschrecken, verursachte aber keine Angst. Wenn dann das "Schlußtuten" ertönte, wußte sie, nun ist es vorbei, es kommt nichts mehr. Bekam sie - aus welchen Gründen auch immer - das Tuten nach der Sprengung nicht mit, dann war sie ein wenig gestreßt, weil sie dachte, es würde nochmal gesprengt werden. Das legte sich aber nach ein paar Minuten wieder. Wie gesagt, sie hatte nicht direkt Angst vor den Sprengungen, es war halt unangenehm (z.B. wackelt manchmal unser Haus dabei). So schlau war sie also, um zu verbinden, daß das 2. mal tuten das Ende der Sprengungen bedeutete!

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