Vom Panikbündel zum Kasperkopf

Erschienen in der Beardie Revue Juni ´09

Eigentlich hätten wir sie nicht von der VDH(!!)Züchterin nehmen dürfen - nachdem wir die Verhältnisse gesehen hatten. Eigentlich. Aber wir konnten nicht ohne Hund sein. Also haben wir kein Kehrt gemacht und sind der Züchterin in die Pampa gefolgt. Da gab es eine eingezäunte Matschwiese mit Hühnern drauf. In der Mitte stand ein kleiner Schuppen, eher ein Bretterverschlag. Die Züchterin ging zum Schuppen und ließ 4 Beardies dort hinaus: Die Zuchthündin und drei 8, fast 9 Monate alte Junghunde (2 Hündinnen, 1 Rüde). Die Hunde waren freundlich und sind herumgelaufen. Von irgendwelchen Ängsten war bei den Hunden keine Spur zu sehen.

 

Die Züchterin meinte, die eine Hündin wollte sie noch ausstellen (was ich bezweifle, daß das geklappt hat). Da wir eine Hündin wollten, blieb also nur noch die andere Hündin.

 

Kurz und flüchtig wurde erklärt, wie man einen Beardie pflegte. Dann kam der nächste Schock, wo wir spätestens hätten Nein sagen müssen: Als wir Rica mitnehmen wollten, meinte die Züchterin, daß sie weder Halsband noch Leine kennen würde. Das zeigte uns, daß nichts mit den Hunden gemacht wurde. Was das wiederum heißt, kann man sich denken. Trotzdem blieb es dabei, daß Rica mitkam.

 

Zu der ersten Autofahrt brauche ich sicher nichts zu schreiben, kann sich doch jeder vorstellen, wie das war.

So kam Rica zu uns. Wer glaubt, wir hätten diese Haltungsbedingungen ohne Folgen belassen, der irrt. Ich schrieb der damaligen Zuchtwartin, wie die Hunde dort gehalten wurden und daß das bitte kontrolliert werden sollte. Wie ich nun erfuhr, wird nicht mehr gezüchtet. Nun aber zurück zu Rica.

 

Das 1. Problem, das sich auftat: Rica hatte Angst ins Haus zu gehen. Das 2. Problem: Als sie endlich im Haus war, traute sie sich nicht die Treppe hinaufzugehen. Mit liebevoller Konsequenz lotsten wir sie hinauf in die Wohnung. Da angekommen, lag sie nur noch apathisch und ängstlich in der Ecke. Nichts hatte sie interessiert. Der nächste Tag kam. Problem Nr. 3: Treppe hinuntergehen. Also wieder liebevolle Konsequenz, Stufe für Stufe. Kaum aus dem Haus, Problem Nr.4: Kulturschock. Menschen - Hilfe! Nur weg hier! Autos - Hilfe! Nur weg hier! Fahrräder - Hilfe! Nur weg hier! Und so weiter. Alles machte ihr Angst - nein, Panik. Da sie an der Leine nicht wegkonnte, quetschte sie sich ängstlich an Hauswände, unter Büsche oder blieb einfach nur liegen. Alle paar Meter war dies der Fall. Rica kannte wirklich rein gar nichts. Außer Hunde. Die liebte sie von Anfang an.

 

Es hieß also: Jede Menge Arbeit kam auf uns zu. Manch anderer hätte den Hund abgegeben, wegen Überforderung. Oder er hätte falsch reagiert etc. Wir wollten aber nicht aufgeben. Also ging ich jeden Tag mit ihr zur Straße. Erst nur ganz kurz und auch nur bei einer wenig belebten Straße. Mit der Zeit wurden die Anforderungen höher. Gleichzeitig begann die Erziehung - und damit Problem Nr.5: Die Angst machte alles kaputt. Rica war passiv und mit das schlimmste: Loben ging nur mit Stimme und Streicheln. Spielen konnte sie nicht, Leckerlis nahm sie nicht. Nun könnte man sagen, daß die Erziehung doch erst später hätte stattfinden können. Ja, aber: So lernte sie und gewann damit Stückchen für Stückchen an Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen brauchte sie unbedingt. Wir waren auf dem Hundeplatz, wo wir mit ihrem Vorgänger auch gewesen waren. Der Agility-Verein ist fortschrittlich und war damit auf Ricas Probleme eingestellt. Doch auf dem Hundeplatz war sie noch zu abgelenkt. Also machten wir Pause, bis sie besser aufgebaut war. Rica lernte wider Erwarten für so einen ängstlichen Hund recht schnell. Sie lernte zu spielen. Sie nahm Leckerlies an. Die "Verkehrssicherheitstouren" wurden konsequent jeden Tag durchgeführt. Und es wurde besser.

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